Leseproben

An dieser Stelle stellen wir Ihnen Texte aus den saargeschichte|n vor, die uns besonders lesenswert erscheinen und die wir Ihnen, auch wenn Sie die saargeschichte|n nicht regelmäßig beziehen, nicht vorenthalten wollen.


Mausefallen für Schloss Karlsberg

Der Mythos eines kurzlebigen Prunkpalastes – neue Forschungsergebnisse über die Homburger herzogliche Residenz, nach der ein bekanntes Bier benannt ist

Aus saargeschichte|n 1-2010

Von Dr. Jutta Schwan

Es stand dereinst ein Schloss mit einem wunderbaren umgebenden Schlosspark in Homburg, das jedoch nur wenige Jahre existierte … Was hier bereits wie der Anfang eines Märchens klingt, sollte sich in der Tat zu einer nachgerade märchenhaften Geschichte entwickeln.
Der pfalz-zweibrückische Herzog Carl II. August (1746–1795) hatte im Jahr 1777 ein adeliges Hofgut auf dem Homburger Buchenberg erworben, welches er im Laufe der Jahre um stattliche Schlossflügel und Anbauten erweitern und mit einer wertvollen Innenausstattung einrichten ließ. Doch als man eben erst begonnen hatte, die Gärten um das fertiggestellte Gebäude nach der neuesten englischen Mode umzugestalten, besetzten französische Revolutionstruppen im Juli 1793 das Schloss, plünderten das restliche darin verbliebene Inventar und zündeten danach die Gebäude an. Ein von herzoglicher Seite organisierter Abverkauf aller verbliebenen Wertstoffe sowie die buchstäblich offen zutage liegende Brauchbarkeit behauener Steine der verwüsteten Bauwerke für jedermann zogen die nahezu völlige Abtragung der verbliebenen Reste nach sich. Heute sind vor Ort nur noch vereinzelte Ruinen in einem weitläufigen Waldgelände zu finden.
Während der knappen Zeitspanne seiner Existenz von rund 15 Jahren war es nur wenigen Auserwählten erlaubt, einen Blick in die Räume des Schlosses oder gar auf die herzoglichen Sammlungen zu werfen. Auch die weitläufigen Gartenanlagen mit ihren vielen Pavillons und Sehenswürdigkeiten, insbesondere ein besonders reichhaltig bestückter Park mit Namen Carlslust, waren – im Gegensatz zu anderen herrschaftlichen Parks dieser Zeit – für die Bevölkerung nicht zugänglich. Zudem ist bislang lediglich eine überschaubare Anzahl zeitgenössischer Darstellungen des Schlosses bekannt. Infolgedessen sprossen die Geschichten und Legenden um den Carlsberg über die Jahrhunderte hinweg so zahlreich wie Ranken um Dornröschen. Dies zeigt sich zunächst in den bewundernden Formulierungen damaliger Besucher, wie beispielsweise den Tagebuchaufzeichnungen des Freiherrn von Knigge (1752–1796), der in einem Brief vom 11. Mai 1792 auf seiner Reise durch die hiesige Region darauf hinwies, dass die »Pracht, welche da im Schlosse herrscht, unglaublich« und es der Mühe wert sei, »dies Feenschloß mit seinen Schätzen zu sehen«.
Außerdem warf ein jeder einen subjektiven, den eigenen Interessen entsprechenden Blick auf den Schlossbau. Der Zweibrücker Gymnasialdirektor und Vorstand der Bibliotheca Bipontina, Georg Christian Crollius (1728–1790), hatte die Gelegenheit eines heimlichen Rundganges auf dem Carlsberg unter der Führung des unerschrockenen Kammerrats Christian Ludwig Hautt (1726–1806). In einem seiner Briefe an den Mannheimer Hofrat und Herausgeber der »Mannheimer Zeitung« Andreas Lamey (1726–1802) klagt er, ihn hätte die Visitation der Bibliothek mehr amüsiert. Aber diese sei, wie vieles andere, ein verschlossenes Heiligtum. 
Der Gendarmerie-Lieutenant Martin von Neumann wiederum, der 1837 ein Buch mit Stichen (Abb.1) und kurzen Erklärungen über die »Schlösser des bayerischen Rhein-Kreises« in Zweibrücken herausgab, charakterisiert es so: »Dieses prachtvolle Schloß mit seinen schönen Casernen baute 1780 Carl II., Herzog von Pfalz-Zweibrücken, auf einer eine halbe Stunde von Homburg nördlich entfernten Höhe, umgab es mit Lustgärten, und gab dieser Anlage den Namen Carlsberg. Dieser, wie seine edlen Vorfahren, für Künste und Wissenschaften beseelte Fürst ließ in der ganzen Umgegend nach Alterthümern suchen, kaufte deren eine bedeutende Menge, welche in dem Orangerie-Keller aufbewahrt wurden.«
Aber bereits wenige Jahre nach der Zerstörung des Schlosses setzen auch die Berichte derer ein, die zwar »nicht Gelegenheit hatte[n], diesen Sitz der ausgesuchtesten Pracht und wollüstigsten Ueppigkeit, früher, als in dem gräulichen Zustande seiner Zerstöhrung, kennen zu lernen«,1 die aber vom Herzog gerne »auch die rohsten Stücke, die er an seinen Umgebungen ausließ«2, wiedergaben. Adolph Koellner schreibt dazu in seiner »Geschichte der Städte Saarbrücken und St. Johann« aus dem Jahr 1865: »Der Karlsberg war, zwar nicht durch geflügelte Drachen, wie die Gärten der Hesperiden, wohl aber durch schnurrbärtige Grenadiere bewacht, jedem Menschen unzugänglich gewesen. Vor ihnen musste der Vorübergehende in halbmeilenweiter Entfernung schon den Hut abziehen.«

Vergleich mit Versailles
Schon früh setzte, sobald vom Carlsberg die Rede war, die Verwendung der Superlative ein: Der Saarbrücker Kunsthistoriker Karl Lohmeyer spricht in »Die Kunst des Saarlandes und ihre Meister« vom »phantastische[n] Schloß Karlsberg ob Homburg, dieses zu Stein gewordenen Märchens […]«. Wolfgang Medding schreibt in »Burgen und Schlösser in der Pfalz und an der Saar«: »Für den Hauptbau hatte man sich zweifellos das Schloß zu Versailles zum Vorbild genommen, aber dieses sollte durch seine Ausdehnung noch bei weitem überboten werden. Gebäude reihte sich an Gebäude, und dahinter dehnten sich die phantastischsten Gartenanlagen aus, die die Phantasie von Menschen je auszudenken imstande war.«
Zu den Größenverhältnissen sollte man hier jedoch anmerken, dass allein der berühmte Versailler Spiegelsaal mit seinen 73 Metern Länge die Länge der Carlsberger Seitenflügel um jeweils elf Meter übertraf. Auch der oftmals vorgenommene Verweis auf die Gesamtlänge der Carlsberger Bauten, die aber überwiegend Nutzbauten wie Ställe und Remisen, ein Lazarett, eine Wagnerei und Torfschuppen einschließt, überzeugt nicht, da man niemals in gleicher Weise die entsprechenden Versailler Bauten zusammenfasst.
Nicht zu vergessen ist auch die Geschichte der »Menschenfamilien aus den verschiedensten und entferntesten Weltgegenden«. Sie lebten angeblich »in den Partien des weitläufigen Schloßgartens zerstreut in eben den Wohnungen und Kleidungen, und unter den nämlichen Haus- und Ackergeräthschaften und Gebräuchen, wie sie deren in ihrem jedesmaligen Vaterlande gewohnt waren«.3 Und nicht zuletzt spiegeln die beiden Romane, die über den Herzog und seinen legendären Schlossbau erschienen, die Vokabeln der bisherigen Literatur wieder. Franz Grau schildert in seinem Roman »Serenissimus«, wie die Freifrau »von Esebeck wenige Minuten später schäferlich versunken lustwandelte, von ungefähr auf den Herzog stieß, hold errötete und Karl August auf weibliche Weise aus den Träumen um einen Schloßbau riß, der alle Pracht der königlichen Schlösser des über alle Maßen vorbildlichen Ludwig noch in den Schatten stellen sollte …«4
Auch über die Gärten, von denen bislang keine Pläne gefunden wurden, liest man bei Ernst Pasqué in seinem »kulturhistorischen Roman«: »Große, reiche Gärten in altfranzösischem Stil, ausgedehnte sogenannte englische Anlagen, die Mode der Zeit, umgaben das Schloß. Ein ganzer Bergrücken war sogar zu einem Rosengarten umgewandelt worden. Doch dies alles hatte dem prachtliebenden, vergnügungssüchtigen Fürsten nicht genügt. Ähnliches fand sich überall, mehr oder minder prächtig, in allen Residenzen. Der Beherrscher von Zweibrücken wollte Neues haben, etwas, was kein Fürst noch besessen, selbst der König von Frankreich nicht, und er schuf sich die »Karlslust« […].5
Solche Geschichten und das Vokabular der Fach- wie der Romanliteratur haben sich mittlerweile fest in das kollektive Bewusstsein hineingefräst. Sätze, in denen von der »größten Landresidenz Europas« die Rede ist, die natürlich größer und prächtiger als Versailles war, finden sich selbst in jüngster Zeit immer wieder. Was also kann und soll man über einen solchen Prachtbau noch schreiben? Es scheint doch, als sei bereits alles gesagt! Ein Schlüssel zur Antwort auf diese Frage kann schon ein Rundgang über den heutigen Karlsberg sein, wo links und rechts der Wege einige rätselhafte Mauerreste aufragen, welche aber nichts mehr über ihre vormalige Bestimmung preisgeben. Man versucht vergebens, die Ruinen der »Orangerie« (Abb. 2), die ausschauen wie der Kerker einer mittelalterlichen Ritterburg, mit jener Pracht des 18. Jahrhunderts in Verbindung zu bringen, die in den Lebenserinnerungen Johann Christian von Mannlichs (1741–1822) beschrieben ist. Auch in der Karlslust muten die Reste des »Tschifflik«-Pavillons, des kreisförmigen so genannten »Bärenzwingers« und die Einfassungen der Schwanenweiher dem Betrachter recht rätselhaft an. Unwillkürlich drängt es den interessierten Wanderer danach, aus Büchern Näheres über das Gesehene zu erfahren. Dabei stellt man rasch fest, dass es eine durchaus überschaubare Anzahl von Quellen gibt, aus denen bislang geschöpft wurde – wenn sie überhaupt angegeben wurden.

Handwerkerrechnungen als Quellen
Es schien daher naheliegend, auf eine neue Spurensuche zu gehen, um aussagekräftige Details über die Bauten der Schlossanlage herauszufinden. So entstand die Dissertation, welche die Verfasserin unter dem Titel »Studien zur Baugeschichte von Schloss Carlsberg« in der Fachrichtung Kunstgeschichte der Universität des Saarlandes eingereicht und im Dezember 2009 publiziert hat. Im Rahmen der ausgedehnten Recherchen stellten sich die Archive in München und Speyer als Fundorte großer Aktenkonvolute heraus. Insbesondere in Speyer taten sich unter bislang völlig unbeachtet gebliebenen Faszikelnummern umfangreiche Bündel von Handwerkerrechnungen auf. Es waren viele Hundert, zum Teil sehr umfassende Beschreibungen der Tätigkeiten der Maurer, Schreiner, Schlosser und Zimmerleute, der verwendeten Materialien und der entstandenen Kosten, die von den Handwerkern nach ihren individuellen sprachlichen Fähigkeiten verfasst und daher oftmals im Dialekt oder rein nach Gehör aufgeschrieben worden waren. Diese unerwartet große Menge bislang völlig unbekannter Schriftstücke bildete das Fundament dieser Arbeit. Anders als in Fällen, in denen Bau- oder Gartenpläne vorliegen, die untersucht und interpretiert werden können, mussten hier die Handwerker nach 230 Jahren erneut hinzugezogen werden, um ein Schloss ein zweites Mal erstehen lassen zu können. Mit Hilfe der Archivalien ist es nun möglich, die Baugeschichte des Schlosses, der umgebenden Gartenanlagen und vieler namhafter Menschen, die damit beschäftigt waren, neu zu untersuchen. Oder, um es mit den Worten von Mannlichs Amtsvorgänger im Amt des Baudirektors, Christian Ludwig Hautt, zu formulieren, einen umfänglichen Bericht zu erstellen, »den dermaligen Zustand des sämtlichen Carlsberger Bauwesens betreffend«.
Die entstehenden Bau- und Ausstattungsaufgaben des Schlosses vertraute Herzog Carl II. August von Anfang an seinem Hofmaler Johann Christian von Mannlich an, und er schärfte ihm ein: »Merken Sie sich, mein lieber Mannlich, […] dass für mich nichts zu gut ist«.
Dieser betonte zwar, so schreibt er es in seinen Lebenserinnerungen, er fühle sich für die Aufgabe als Baudirektor mit einer Ausbildung zum Maler nicht hinreichend geeignet. Der Einwand Mannlichs sollte aber, genau genommen, eigentlich dazu dienen, seine dennoch erbrachten Leistungen in hellerem Licht erstrahlen zu lassen. Doch anders als beabsichtigt führte er hinsichtlich der Frage nach dem Architekten des Carlsberges sogar dazu, dass in der Literatur angezweifelt wurde, ob Mannlich überhaupt als solcher angenommen werden könnte. Die vielen Schriftstücke, abgezeichneten Rechnungen und Anweisungen Mannlichs in den Akten zeigen nun, dass er sich sehr wohl dieser Aufgabe angenommen hatte. Über dieser Diskussion war in der bisherigen Forschung nahezu unbemerkt geblieben, wie innovativ Mannlich in vielerlei Hinsicht war.
Noch dazu musste er sich mit ständig wechselnden Anweisungen und Ansprüchen hinsichtlich der Bauaufgabe des Carlsberger Schlosses ebenso auseinandersetzen wie mit ständiger Finanznot und dem entgegenstehend immer neuen Forderungen und zum Teil recht schwierigen Vorstellungen des Herzogs. Doch es ließ sich zeigen, dass Mannlich nicht nur fähig war, der Schlossanlage ein einheitliches Gesamtbild zu verschaffen, obwohl sie in etliche Bauphasen zerfallen sollte, die sich über Jahre hinweg zogen. Er schaffte es auch, neue architektonische Ideen und Stilelemente einfließen zu lassen, in denen sich zeigt, dass er sich als Kenner der aktuellen Strömungen innerhalb der Architekturtheorie und der modernen Baukunst ausweisen konnte. Er kannte die Architektur, wie er es selbst ausdrückte, »nach der Seite des Geschmackes hin«, und war mit seinem Kenntnisstand immer auf der Höhe der Zeit.

Mannlich als Architekt und Zauberkünstler
Dies zeigte sich bereits sehr deutlich an seinem Entwurf für das Zweibrücker Gesellschaftstheater, mit dessen Errichtung er noch in der Regierungszeit des Herzogs Christian IV. in Zweibrücken begonnen hatte und das unter Carl II. August fertiggestellt wurde. Entgegen den damaligen Gepflogenheiten baute er kein hierarchisches Logentheater, sondern einen Zuschauerraum nach antikem Vorbild, halbkreisförmig, mit einem bis dahin völlig unüblichen Orchestergraben, Schallverstärkern und Türen, die sich im Falle eines Gedränges nach außen öffnen ließen. Dies hatte einerseits das berühmte Teatro Olimpico Palladios in Vicenza aus dem 16. Jahrhundert zum Vorbild, entsprach aber gleichzeitig den allerneuesten Tendenzen des Theaterbaues in Paris. Für das Theater in der Orangerie am Carlsberg mutete die Idee des reinen Stils der Antike jedoch zu modern an, weshalb man wieder auf die von Mannlich so verwünschten Logen zurückgriff, die er als »Hühnerställe« bezeichnete.
Sein Ideenreichtum zeigt sich am Carlsberg jedoch am Rundbau im Innenhof der Orangerie (Abb.3). Dabei handelte es sich um einen Holzbau, der für ein Fest anlässlich der vorangegangenen Hochzeit Maximilian Josephs (1756–1825), des Bruders Herzog Carls II. August und späteren bayerischen Königs, im Dezember 1785 errichtet wurde. Tatsächlich gelang es Mannlich, trotz akuten Geldmangels und leerer Bauhütten, binnen eines Zeitraumes von kaum mehr als zwei Monaten nicht nur das Programm für die Feierlichkeiten auf dem Carlsberg zu entwerfen, sondern auch die notwendigen ephemeren Festbauten aus Bauholz, Brettern und Leinwand sowie Gips und Farbe zu errichten. Selbst an diesem vergänglichen Bau wird deutlich, dass Mannlich die Entwicklungen in Paris stets im Auge hatte, wo sich kreisförmige Räume, die antiken Raumformen des römischen Pantheon immer im Blick behaltend, gerade großer Beliebtheit erfreuten. Auch die Festidee selbst, darin einen Ball in Verbindung mit einem venezianischen Markt zu planen, geht auf eine gelungene Kombination von Vorbildern in Dresden und Ludwigsburg zurück.
In den Seitenflügeln, so berichtet Mannlich im französischen Originaltext seiner Lebenserinnerungen, waren lebende exotische Vögel und die seltensten Tiere der Carlslust untergebracht. Ihre Wächter waren als Indianer maskierte und bei Hof das Jahr über als Kammerdiener und Läufer beschäftigte und bezahlte »Mohren«. Sie bewachten die Käfige, zeigten dem Publikum die Tiere und berichteten in der Art von Marktschreiern die Geschichte eines jeden Tieres. Der venezianische Markt und der anschließende Ball gehörten zu jenen Festen innerhalb der vierzehntägigen Feierlichkeiten, die für jedermann zugänglich waren. So wurden die meisten der Besucher erstmals exotischer Tiere fremder Kontinente ansichtig. Doch noch aufregender als dies dürfte sich für die Besucher die Begegnung mit Menschen anderer Hautfarbe dargestellt haben, die noch dazu in fremdartigen Gewändern auftraten. Es liegt auf der Hand, dass auf dieser Attraktion, die Mannlich schildert, die Legende der Menschenfamilien aus fernen Ländern fußt.
Die Handwerkerrechnungen ermöglichen erstmals neue Einblicke in bisher weitgehend unbekannte Räume des Schlosses, seien es der Tanzsaal, wo die Musikanten aufspielten, der Marmorsaal mit den aufwendigen Stuckaturen und Öfen oder die Silberkammer mit den großen Schauschränken und einem aufwendig gestalteten Badeappartement des Herzogs mit Badewanne, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Es wird auch immer wieder betont, dass die Arbeiten so schnell wie nur irgend möglich voranzuschreiten hatten, da es dem Herzog immer recht pressiere. Das führte entsprechend oft zu Schwierigkeiten, beispielsweise dazu, dass sich die eichenen Dielen aufwarfen, weil die Zimmer noch zu feucht für den Parkettboden waren, obwohl Kohlebecken in den Räumen glühten, um das Austrocknen voranzutreiben. Auch die Konzeption der angemessenen Ausstattung der Schlossräume wurde Mannlich übertragen. Die Möbel, Tapeten, Wandbespannungen und Vertäfelungen sollten prächtig und von erlesenem Geschmack sein und wurden für die wichtigsten Räume nach den Vorgaben der neuesten frühklassizistischen Mode, dem »goût grec«, in Paris in Auftrag gegeben. Einer der führenden Ebenisten in Frankreich, Georges Jacob, fertigte die Möbel für die Appartements des Herzogs und der Herzogin. Insbesondere das Paradebett (Abb. 4) sorgte nach seiner Fertigstellung sogar in Paris für Aufsehen und ist noch heute neben vielen weiteren Möbeln und Wandvertäfelungen (Abb. 5) in der Münchner Residenz zu bewundern.

Das »must-have«: ein Naturalienkabinett
Neben der Einrichtung der herzoglichen Räumlichkeiten waren es insbesondere die verschiedenen Sammlungen, die große Bewunderung hervorriefen. An erster Stelle sei dabei das Naturalienkabinett genannt, das bei der Zerstörung des Schlosses zu einem großen Teil verbrannte. Der Besitz eines Naturalienkabinetts hatte sich im Verlauf des 18. Jahrhunderts unter Aristokraten fast zu einem »Muss« entwickelt und so scheint die Anschaffung eines solchen geradezu obligatorisch für einen naturwissenschaftlich interessierten Herzog, der sein Schloss und sämtliche übrigen Bauten mit Blitzableitern, einer ebenso neuartigen wie umstrittenen technischen Erfindung, versehen ließ. Für die wissenschaftliche Betreuung des Kabinetts verantwortlich zeichnete der französische Naturforscher und Militärchirurg Dr. Jean-François Holandre (1753 bis nach 1802). Dieser hatte um 1783 seine Tätigkeit auf dem Carlsberg als Direktor des Naturalienkabinetts aufgenommen, um von Beginn an die Einrichtung der Räume in einem eigens für die Sammlungen errichteten neuen Schlosstrakt zu leiten.
Eine Schreinerrechnung gibt dazu an, man habe einen Vertrag abgeschlossen, wonach sechs Schränke für den großen Naturaliensaal genau so, wie die Vorgaben des Herrn Holandre lauteten, angefertigt werden sollten. Heimische Schreinermeister hatten diese aufwendigen Schränke mit großen Glastüren und verglasten Seitenwänden sowie zahlreiche kleinere Glaskästen und Schautische hergestellt. Diese Sammlungsmöbel waren, im Gegensatz zu früher verwendeten geschlossenen Kabinettschränken, moderne transparente Depots, deren Objektordnungen durch eine überblickende Betrachtung gleich erkannt werden konnten. Das Kabinett enthielt neben Naturseltenheiten in Spiritus, präparierten Schmetterlingen, Mineralien, Muscheln, Schneckenhäusern und Petrefakten alleine 1200 ausgestopfte Vögel. Im Schadensverzeichnis, das nach der Zerstörung des Carlsberges über den Wert aller Mobilien und Immobilien angefertigt wurde, heißt es über die Vogelsammlung, sie habe nach Versicherung der Kenner das königlich-französische Kabinett übertroffen. Die Besonderheit dieser Sammlung lag jedoch nicht nur in ihrer modernen Aufbewahrungsweise und ihrem Wert, denn sie beschränkte sich nicht auf den Sammlungsraum und die dazugehörige Abteilung der Bibliothek. Sie erfuhr vielmehr eine Erweiterung in der herzoglichen Menagerie der Carlslust, bei welcher schon Mannlich von einem »lebenden Naturalienkabinett« sprach. In seinen Lebenserinnerungen zählte er neben den verschiedenen Raubtieren eine Vielzahl der dort lebenden Vögel auf.

»Obacht auf die Bilder!«
Über die herzogliche Bildergalerie am Carlsberg wurde schon viel geschrieben. Die Liebe des Herzogs zur Malerei folgte jedoch erst in einigem zeitlichen Abstand der Leidenschaft für die Naturaliensammlung nach. Doch auch hier zeigt sich die Obsession des Sammlers in ihrer ganzen Bandbreite. Schnell füllten sich sämtliche Gemächer und Vorzimmer mit Bildern, sodass es notwendig war, stets zu mahnen: »Obacht auf die Bilder!« Es war daher unumgänglich, eine zunächst circa 100 Meter lange Galerie zu errichten, um die anwachsende Sammlung unterbringen zu können. Die Qualität der Bildergalerie, für die Mannlich verantwortlich zeichnete, sowie deren erstaunlicher Umfang von rund 2000 Werken werden von ihm selbst ausführlich beschrieben. Auch die Schilderung der Inneneinrichtung mit zwanzig Kristalllüstern, Wandbespannungen aus grünem Damast, Wandvertäfelungen und Stuckaturen nach der neuesten Mode »à la grecque«, 104 Armlehnstühlen sowie Tischen aus vergoldeter Bronze vermittelt einen prächtigen Anschein. Sogar ein kleiner Pavillon zur Unterbringung einer kleinen Fachbibliothek wurde mit kurzem zeitlichem Abstand an die Galerie angefügt.
Doch zu diesem Zeitpunkt war die finanzielle Situation des Herzogtums äußerst prekär und man hatte den Herzog bereits mehrfach angemahnt, das Bauwesen auf das Allernötigste zu beschränken, weil sich die Rentkammer außerstande sah, weitere Rechnungen zu bezahlen. In diesem Zusammenhang eröffnen sich aus den Rechnungen interessante Details, wie die Tatsache, dass sich die viel gerühmte Bildergalerie ursprünglich aus einem schlichten hölzernen Verbindungsgang heraus entwickelte. Dieser Griff in die Trickkiste erklärt letztlich, wie der Herzog es überhaupt schaffte, ein solches Gebäude in Zeiten höchster Finanznot – wir sprechen über das Jahr 1788 – noch errichten und später noch verlängern zu lassen.
Neben den erwähnten Sammlungen waren es die Reihe der Treibhäuser, in denen Südfrüchte wie Ananas und Melonen ebenso gediehen wie vielfältige Blumensorten, sowie die Pracht und Anzahl der exotischen Zitruspflanzen und Lorbeerbäume der Orangerie mit ihren weithin sichtbaren riesigen Fensterflächen, die noch heute erstaunen müssen. Die Carlsberger Orangerie hatte jedoch eine Vielzahl von Aufgaben zu erfüllen. Ihr eigentlicher Zweck bestand darin, Orangen-, Zitronen- und Lorbeerbäumchen zur Winterzeit aufzunehmen, die vor der hiesigen Kälte geschützt werden mussten. Im Sommer gehörten diese Pflanzen zu unverzichtbaren Gestaltungselementen eines fürstlichen Gartens. Gleichzeitig konnte man die nunmehr leer stehenden Pflanzensäle zu größeren Festen nutzen. Doch die Pflanzen wurden nicht, wie bisher stets geschrieben wurde, in den dunklen Kellergewölben aufbewahrt. Die Rechnungen gaben vielmehr Aufschluss darüber, dass sich im darüber liegenden Erdgeschoss pfeilergestützte offene Hallen befanden, die durch Fenster und Türen von circa vier Metern Höhe belichtet wurden.
Neben diesem Zweck erfüllte die Orangerie noch eine Vielzahl weiterer Funktionen. Der finstere Eindruck der dunklen Gewölbe, der sich heute vermittelt, wird noch bestärkt, wenn man erfährt, dass man darin tatsächlich Gefängniszellen eingerichtet hatte, um Arrestanten zu verwahren. Ob jedoch jemals eine Person dort eingeschlossen wurde, ist nirgendwo überliefert und daher wohl nicht anzunehmen. Dagegen ist bekannt, dass man in diesen Gewölben später das aufbewahrte, was auch in weniger herrschaftlichen Gebäuden den Weg in den Keller findet: Weinflaschen, Öl, Alteisen und viele Gartenbänke. Doch auch antike Fundstücke einiger Ausgrabungen wurden hier, wohl in Erwartung geeigneter Aufbewahrungsmöglichkeiten, bis zur Zerstörung des Schlosses gelagert.
Im Obergeschoss der Orangerie waren hingegen Wohnungen für die Kammerherren, Pagen, Offiziere, Kapläne und Gärtner untergebracht. Auch Mannlich und der Leibarzt besaßen dort ein eigenes Appartement. Außerdem befanden sich zeitweise die Werkstätten des Büchsenmachers sowie des Uhrmachers in Räumen der Orangerie. Schließlich wurde 1783 in der Orangerie ein Theatersaal eingerichtet, der sich jedoch rasch als zu klein erwies. Daher wurde bald danach ein Komödienhaus an ihrem Südflügel angefügt, über das Mannlich jedoch kein Wort verliert und das daher in keiner Weise seinen Vorstellungen entsprochen haben kann.

Gartenkunst und Kunst im Garten
Auch über die Gärten und Gartenarchitekturen ließ sich aus diesen jetzt aufgefundenen Rechnungen und Urkunden viel Neues in Erfahrung bringen. So wird es unsere Vorstellungswelt nachhaltig bereichern, wenn wir uns zu den vielfältigen Gebäuden der Carlslust in Zukunft noch einen chinesischen Pavillon mit einem mehrstufigen grünen Dach hinzudenken und einen unscheinbaren Heuwagen, in dessen Innerem sich ein kostbar ausgestattetes Zimmer versteckte. Einem geräumigen Pavillon im türkischen Stil wurde in architektonisch korrespondierender Weise eine große Voliere auf der gegenüberliegenden Talseite errichtet, in deren Hof ein Wasserspiel plätscherte und den Gesang der Vögel begleitete. Die große Menagerie, deren Bedeutung als Prestigeobjekt mit einer Sammlung exotischer Vierbeiner und Vögel sicherlich nicht unterschätzt werden darf, erhält eine darüber hinaus gehende Bedeutung durch die übergreifende Verklammerung mit dem Naturalienkabinett und der Bibliothek.
Die Archivalien gaben auch ausführlich Auskunft über die unterschiedlichen Gärtner des Carlsberges, welche bisher in der Literatur lediglich mit Namen bekannt waren und die von Lohmeyer mit dem Begriff »Untergärtner« versehen wurden, sodass der Eindruck entstand, man wisse bereits alles Notwendige über sie. Die Akten enthielten zahlreiche Dokumente, aus denen hervorgeht, dass es sich bei einigen der genannten Gärtner gerade nicht um »Untergärtner« handelte, sondern um hoch spezialisierte Fachleute, die völlig zu Unrecht in Vergessenheit geraten waren. Immerhin gehörte der Anbau von Obst, Gemüse und Zierpflanzen zu den wichtigsten Arbeitsfeldern der Hofgärtnerei überhaupt. In diesem Zusammenhang konnte auch gezeigt werden, dass es nicht, wie bislang weitgehend angenommen, der Gärtner Friedrich Ludwig von Sckell (1750–1823) war, auf den die Modernisierung der Gärten im englischen Stil zurückzuführen ist. Vielmehr gehen die Erneuerungen laut Zuschreibung von Zeitgenossen auf den blutjungen Gärtner Johann Bernhard Petri (1767–1854), den Sohn des zweibrückischen Hofgärtners Ernst August Petri (1744–1809), zurück, der nach seiner Carlsberger Zeit im früheren österreichischen Eisgrub und Feldsberg bedeutende Parks für den Fürsten Johann von Liechtenstein schuf. Es handelt sich um die im heutigen Tschechien gelegenen Orte Lednice und Valtice, deren zusammenhängende Kulturlandschaft bereits 1996 in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen wurde. (Abb. 6)
Die Gärten des Carlsberges und der Carlslust zeugen, ebenso wie die große Menagerie, von jenem herzoglichen Bestreben, eine Welt der bizarren Vielfalt zu erschaffen, die durch eine überbordende Vielzahl von Pavillons, Chinoiserien, Turquerien besticht. Doch der Zeitgeschmack hatte sich bereits dahin gehend verändert, der »edlen Einfalt und stillen Größe« auch in den Gärten Raum und Geltung zu verschaffen. Am Ende wurden das Schloss und all seine Pracht ein Raub der Flammen. Die Erinnerung an diese Ansammlung von Bizarrerien und wundersamen Erstaunlichkeiten blieben in der Folge nicht nur wach – die vollständige Zerstörung und der Mangel an zeitgenössischen Abbildungen machten es möglich, dass der Carlsberg im Laufe der Jahrzehnte zur Projektionsfläche vielfältiger Fantasien werden konnte.
Und die Mausefallen? Ja, richtig, da waren noch die Mausefallen für den Carlsberg. Der Schreiner Johannes Daniel aus Homburg, der sowohl in der Orangerie als auch im Schloss vielerlei Arbeiten übernommen hatte, wozu verschiedene Wandvertäfelungen ebenso gehörten wie das Verlegen des Parketts in etlichen Räumen, zählte zu den viel beschäftigten Handwerkern des Carlsberges. Zu seinen Aufgaben gehörte es auch, gelegentlich Mausefallen für die Zimmer des Schlosses herzustellen. Eine herzogliche Mausefalle kostete 30 Kreuzer, also einen halben Gulden. Das waren nur fünf Kreuzer weniger, als ein Handwerksgeselle am Tag verdiente …


Verdammt lang her …

Aus saargeschichte|n, Ausgabe 4-2009

Von Paul Burgard

Ein durchschnittliches Menschenleben liegt nun also zwischen uns und jenem Tag, der einmal als einer der wichtigsten und umstrittensten in der saarländischen Geschichte galt. Am 13. Januar 1935 fand zum ersten Mal eine Volksabstimmung im Saarland statt, das damals noch Saargebiet hieß, von einer internationalen Regierungskommission geleitet wurde und seit 15 Jahren nicht mehr zu Deutschland gehörte. Dieser »nationale Fehler« sollte an jenem Wintertag korrigiert werden. So wollten es jedenfalls fast 100 Prozent der Saarländer bis 1933 und dafür stimmten noch 90 Prozent zwei Jahre später. Die buchstäbliche Dezimierung des Votums war dem größten und politisch erfolgreichsten Verbrecher zu verdanken, den Deutschland jemals auf österreichischem Boden hervorgebracht hatte: Adolf Hitler.
Vor einem Vierteljahrhundert hat diese Geschichte die Saarländer noch sehr bewegt. Noch lebende Zeitzeugen von einst führten den großen Kampf von 1935 argumentativ weiter, ob sie nun der »Deutschen« oder der »Einheitsfront« angehört hatten. Ausstellungen und ganze Serien von Zeitungsartikeln informierten die Öffentlichkeit, Radio- und Fernsehsendungen entstanden, und Gerhard Paul legte seine dicke »Deutsche Mutter« vor, die noch heute die wissenschaftliche Sicht der Dinge zum 13. Januar bestimmt.
Beim Rückblick auf jene turbulente historiografische Kampfzeit könnte man fast wehmütig werden angesichts der Tristesse, die sich seit Jahren rund um den Gedenktag verbreitet. Mit verständlicher Weise erlahmendem Eifer und Pflichtbewusstsein erinnert der Leiter der Landeszentrale für politische Bildung in unregelmäßigen Abständen daran, dass noch immer drei Straßen in saarländischen Städten den Namen jenes 13. Januar 1935 tragen, an dem die Saarländer heim ins Nazi-Reich kehrten. Früher einmal, in der diesbezüglich politisch sehr korrekten Saarstaatszeit, war das ganz anders. Da wurde in der neuen Landeshauptstadt aus dem noch von Gauleiter Bürckel initiierten »13. Januar« fast folgerichtig eine »Schlachthofstraße«, und, wer weiß - honi soit qui mal y pense - vielleicht geschah das nicht nur deswegen, weil sich hier die zentrale Tötungsfabrik für südwestdeutsches Großvieh befand und befindet. Nachdem sich dann aber ein ortsansässiges Unternehmen über seine wenig umsatzfördernde Geschäftsadresse beschwert hatte, verwandelte sich die Schlachthofstraße bis 1957 in die harmlose »St. Arnualer Straße«, um danach - als mit der Rückgliederung die »Deutschen« in Saarbrücken wieder das kulturelle Sagen erhielten - wie vor 1945 an den Tag des ersten saarländischen Referendums erinnern zu dürfen.
Auch dieser »Skandal« scheint inzwischen fast vergessen, die einstmals heftigen öffentlichen Diskussionen verpuffen heute fast geräuschlos. Vielleicht könnte ein Hinweis auf die noch immer existierende »Freiheitsstraße«, nur wenige hundert Meter von der Landeszentrale für politische Bildung im Saarbrücker Bezirk Dudweiler gelegen, die Diskussion ein wenig auffrischen. Denn immerhin bezeugt diese Straße, die einstmals allerorten auf die Straße des 13. Januar folgte, viel unmittelbarer jenen großen historischen Akt, mit dem vor 75 Jahren die »Befreiung aus der französischen Knechtschaft« und die grandiose Freiheit im nationalsozialistischen Deutschland gefeiert wurden.
Ähnlich unspektakulär wie die öffentliche Erin­nerungskultur fielen die zwischen zwei meist geschlossenen Buchdeckeln in den vergangenen Jahren gemachten Geschichtsübungen aus. Zwar verdiente sich so mancher Lokalhistoriker Fleißpunkte beim Erstellen der örtlichen Chronik, wissen wir dank Frank Beckers Studie nun endlich, wie viele Saarvereine es zwischen Sarajewo und San Francisco einmal gab, erinnerte uns Joachim Heinz in seiner unnachahmlich arbeitnehmerfreundlichhistorischen Art daran, dass es vor dem 13. Januar auch gute, also antifaschistische Saarländer gab. Aber grundstürzend neue Einsichten vermittelte das alles nicht. Auch das Landesarchiv hat einen eher schüchternen Versuch unternommen,
das Geschehen von 1935 zu historisieren und in der Perspektive von Erinnerungskultur neu zu beschreiben. Und auch dieser Versuch einer buchstäblich revisionistischen Geschichtsschreibung muss inzwischen als gescheitert betrachtet werden. Zum Glück hatte Hans Horch, der oberste Hüter aufrichtiger politischer Historiografie an der Volkshochschule der Landeshauptstadt, rechtzeitig auf die gefährlichen Untertöne dieses Sammelbandes hingewiesen. Unter großem investigativen Aufwand konnte er in einem Artikel für die »Saarbrücker Hefte« nachweisen, wie sich vor allem der Herausgeber des Buches mit aller­lei geschichtsmodischem Schnickschnack und gedenkkulturellen »Verrenkungen« an den eigentlichen harten Fakten jenes »Tiefpunkts saarländischer Geschichte« »vorbeizumogeln« suchte. Angesichts von »Stuss dieser Dimension« könne man eigentlich nicht oft genug darauf hinweisen, wie wenige Saarländer bis zum 13. Januar 1935 »bei Verstand geblieben« seien, während die allermeisten ihrem Führer wissentlich und willentlich in die Barbarei gefolgt wären. Immerhin: Nicht alle Rückkehrbefürworter sind
an diesem Tag schon »zu überzeugten Nazis« geworden. Ein echter Trost.
Es ist wirklich bedauerlich, dass der Artikel aus den »Saarbrücker Heften« nicht mehr SaarländerInnen
aufhorchen ließ. Immerhin stellte er so etwas wie ein Glanzlicht der politischen Jugendbildungsarbeit an der Saar dar, und auch die gewählte Form war überaus innovativ, als »Rezension«, als die er in den Saarbrücker Heften firmierte, gar sensationell. Eine Art politisch korrekten »Lückentext« schon vorher zu verfassen, der dann nur noch mit einigen wenigen - und zwar genialerweise egal welchen - Worten aus dem Text des Rezensierten gefüllt werden musste, um zu einer neuen Form der Buchbesprechung zu reifen, das hatte Format. Ein Format, das der Autor abschließend mit der Aussicht auf die lange ersehnte Selbstauflösung des Saarlandes krönte. Das zumindest wäre in Horchs Logik konsequent gewesen. Denn nur er weiß, dass das Land nicht nur ökonomisch kränkelt, sondern auch und vor allem mit einem schweren Geburtsfehler behaftet ist: Waren es nicht nationalistische Schreihälse, gewaltbereite Deutschfrontler oder einfach nur Bekloppte, die es am 13. Januar 1935 in die Arme der nazistischen Despoten getrieben hatten, welche es dann kurze Zeit später als »Saarland« auch offiziell »erfanden«?
Wenigstens ein paar Spuren hat die mutige Aufklärungsarbeit Hans Horchs und seiner Weggefährten in den letzten Jahren in der saarländischen Geschichtslandschaft hinterlassen. Zum Beispiel beginnt die Zeit des Nationalsozialismus in der noch fast druckfrischen jüngsten Überblicksdarstellung zur »Geschichte des Saarlandes« praktischerweise schon vor dem Abstimmungskampf. So ist man doch endlich die unangenehme Pflicht los, sich immer wieder der quälenden Frage zu stellen, warum zum Teufel die Saarländer 1935 so dringend ins Deutsche Reich zurückkehren wollten, obwohl dort bereits seit zwei Jahren die braune Diktatur herrschte. Abgesehen von dieser interessanten Perspektivverschiebung gab's jedoch in den letzten Jahren hierzulande weitgehend history as usual. Angesichts der referierten Erkenntnisse könnte man sich fast fragen, ob denn der 13. Januar überhaupt noch zeitgemäß ist, ganz so, wie es im saloppen Ton das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung wöchentlich bei mehr oder weniger brisanten Dingen formuliert. Nicht ein­mal Guido Knopp war das Thema zum runden Gedenktag vor fünf Jahren eine spannende Fernsehgeschichtsstunde wert. Da fragt man sich dann doch, was denn alles noch nicht passieren muss, bevor wir endlich wieder den eleganten Mantel des Schweigens über die Geschichte des 13. Januar legen, einer Geschichte, die anscheinend niemanden mehr ernsthaft interessiert.
Niemanden? Nicht ganz. Denn dann erreicht einen auf einmal der Anruf einer WDR-Redakteurin, die ein deutschlandweit zu sendendes »Zeitzeichen« produzieren möchte. Und die damit auch als Erste ein kleines historiografisches Ausrufezeichen setzt, während die landeseigenen Journalisten und Historiker offenkundig mehr oder weniger friedlich dem ersten großen runden Jahrestag entgegendämmern. (Und ich hoffe sehr, in zwei Monaten eines ganz anderen belehrt zu sein). Mit einer Mischung aus schlechtem Gewissen und real existierendem Halbwissen zieht man daher nochmals die fast verstaubte »Zenner« aus dem Bücherregal, stößt unversehens auch auf den daneben ruhenden »Jacoby«, braucht nicht lange, um den »Zur Mühlen«, den »Schock« und den »Paul« zu finden und - keine 20 Zentimeter davon entfernt - den »Mallmann/Paul« und dann noch zweimal den »Mallmann/ Paul«.
Man liest also mit dem Abstand von einigen Jahren noch einmal, erkennt vieles wieder, entdeckt anderes neu, ist immer noch voller Respekt über die damals erbrachten Pionierleistungen. Manches findet man noch immer gelungen, intelligent gelöst, gar wegweisend, andere Interpretamente scheinen eher missglückt und aus heutiger Forschungsperspektive auch kaum haltbar. Und dennoch, trotz des gewaltigen Erkenntniszugewinns, den alle diese Studien vor zwei bis drei Jahrzehnten brachten, steht man immer noch relativ ratlos vor der eigentlichen und einzig wahren Gretchenfrage, die der 13. Januar 1935 aufwirft. War es eine Entscheidung nur für Deutschland, sonst für nichts? Oder ein nationales Votum trotz Hitler? Vielleicht sogar ein bewusstes Bekenntnis zum neuen nationalsozialistischen Deutschland, heim ins Reich, also gerade wegen Hitler?
Man wird eine befriedigend differenzierte Antwort nicht erhalten, weder in der älteren noch in der neueren Forschungsliteratur. Noch immer hallt das Echo des Abstimmungskampfes selbst nach, scheinen sich die Widersacher von 1935 in den wissenschaftlichen Stimmen der Gegenwart weiter zu bekämpfen. Erschwert wird eine richtig perspektivische Einsicht auch deshalb, weil Holocaust und Vernichtungskrieg beim Geschehen von 1935 automatisch mitgedacht werden. Was aber politisch-moralisch vollkommen korrekt, ja notwendig ist, führt beim Versuch einer ebenso notwendigen Historisierung zu falschen Ergebnissen: Die Akteure des Abstimmungskampfes trafen ihre Entscheidung auf der Basis des in den letzten 15 Jahren vor 1935 Erlebten und selbst ein weitsichtiger Mann wie Max Braun konnte damals nicht ahnen, welche Dimensionen das Grauen in Deutschland binnen weniger Jahre annehmen sollte.
Um neue Antworten auf alte Fragen zu finden, wird man also nolens volens den Weg back to the roots, zurück zu den Quellen suchen müssen. Die nächsten Jahre werden vielleicht zeigen, wie fruchtbar ein solcher Weg sein kann. Grundsätzlich müssten dabei nicht nur noch wenig bearbeitete Bestände - wie die Akten des Völkerbundes in Genf, sondern auch bereits gesichtete Quellen erneut in Augenschein genommen werden. Ein erster Einstieg in die heute im Landesarchiv verwahrten Polizeiakten der Abstimmungszeit zeigt jedenfalls, dass man ziemlich schnell ziemlich viele Dinge entdecken kann. So erkennt man zum Beispiel, wie überragend der Grad der Politisierung war, der in alle möglichen Konflikte hineinwirkte oder dort zumindest hineininterpretiert wurde. Man sieht die fast schon Alltäglichkeit einer nicht nur mit harten Worten ausgetragenen politischen Konfliktkultur, in der freilich die Gewalt alles andere als ein Monopol der Deutschen Front war: Auch die rote Faust wurde keineswegs immer nur zum Freiheitsgruß erhoben. Man liest des Weiteren, wie oft Bruder Alkohol mit im Spiel war, wenn es zwischen den Rivalen um die »große« Politik ging. Und man erkennt, ganz anders, als dies beispielsweise Gerhard Paul dargestellt hatte, sehr schnell das umfassende Bemühen von Regierung, Polizei- und Justizapparat, die öffentliche Ordnung trotz aller Schwierigkeiten und Einschränkungen bis zum Abstimmungstag aufrechtzuerhalten. Dass und in welchem Umfang selbst Banalitäten auf beiden Seiten zur Anzeige gebracht wurden - beispielsweise, wenn ein Hitlerjunge seine nachgemachte Uniformjacke mit dem Adler eines Frankfurter Autohauses schmückte - spricht dafür, dass die im Abstimmungskampf eigens verstärkte Polizei in ihrer Gesamtheit weder einseitig blind noch untätig war. Kurzum, eine erste Akteneinsicht verstärkt die Sensibilität für die vielen Grautöne auch dieses Kapitels saarländischer Historie. Schwarz-Weiß-Malerei eignet sich nicht einmal für die (Vor-)Geschichte des Nationalsozialismus.Wenn wir auf diesen Seiten dennoch noch einmal einen schwarz-weißen Rückblick in die Vergangenheit werfen, so hat dies ersichtlich andere Gründe. Die saargeschichte|n wollen ihren Lesern damit einige ungewöhnliche Impressionen von der denkwürdigen Geschichte des 13. Januar 1935 vermitteln, einige davon werden hier zum ersten Mal publiziert. Wir haben dafür zwei bis dreitausend Bilder aus den Beständen des Landesarchivs und des Historischen Vereins gesichtet - und sind dabei auf manche Überraschung gestoßen. Zum Beispiel auf Porträts des noch jungen Johannes Hoffmann, der im Winter 1934/35 am Schreibtisch bei Arbeiten für seine oppositionelle »Neue Saar Post« abgelichtet wurde. Oder auf eine Bildserie mit dem ehemaligen Reichskanzler und Saarbevollmächtigten Franz von Papen, der 1905
die saarländische Industriellentochter Martha von Boch-Galhau geheiratet hatte; gemeinsam mit Töchtern und Schwiegersohn sind die beiden hier auf dem Wallerfanger Hofgut am Morgen des 13. Januar zu sehen. Vertraute oder überraschende Einsichten vermitteln manche Bilder eher am Rande des Geschehens. So zum Beispiel dort, wo Häuser mit dem Schild »Total Ausverkauf« erscheinen, ein Ausverkauf, der meist auf eine Geschäftsaufgabe zurückzuführen war, der das kommende Unheil gewissermaßen vorwegnahm. Das makabre Gegenstück dazu ist jenes Bild aus der Saarbrücker Bahnhofstraße vom Morgen des 15. Januar 1935: Kurz nach der Bekanntgabe des Ergebnisses werden viele Hausfassaden in den Farben der nationalsozialistischen »Siegernation« geschmückt. Auch das jüdische Geschäftshaus Japhet, Spezialist für Leder- und Spielwaren, gehörte mit seinen Girlanden, Wimpeln und Fahnen dazu. Warum und unter welchen Umständen dies geschah, das werden wir vielleicht nie mehr herausfinden. Versuchen sollten wir es unbedingt. Denn die Geschichte des 13. Januar 1935 ist noch lange nicht zu Ende geschrieben.